Nürnberger Nachrichten
Des Menschen Schatten
Genau hinzusehen lohnt sich: Bettina Urlichs in der Galerie Cabinet
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„Menschen — Flucht“, so lautet das Thema der Ausstellung Bettina Urlichs' in der Galerie Cabinet. „Makabererweise sehr aktuell“, meint Galerist Michael Frenzel, der die Künstlerin, die heute in Paris lebt, noch aus Studienzeiten kennt. In der Tat rufen Urlichs' neueste Werke Erinnerungen wach an die Schreckensbilder der vergangenen Tage.
Ein Reigen dunkler Gestalten aus Acryl bewegt sich hier auf mehreren Schichten, zwischen Papier, Plexiglas und Folie. Menschliche Körper, auf ein Mindestmaß reduziert, sieht man zusammenstehen, sich wild bewegend — vereint in einem Danse macabre. Urlichs konzentrient ihre Darstellung auf das Wesentliche; die Begrenztheit des kleinen Ausstellungsraumes scheint dabei die Dichte ihrer Bilder nsch zusätzlich zu steigern. „Der Raum erfordert etwas vom Besucher“, preist Frenzel die Vorzüge der Mini-Galerie, „um ein Bild richtig zu sehen, muss man hier schon mal von außen durch das Fenster schauen. Es ist nicht so bequem.“
Ebenso wenig die künstlerischen Arbeiten selbst. Genau hinzusehen empfiehlt sich bei den kleineren Stücken. Drei Rahmen wurden hier hintereinander gelegt, die Bewegung einer Figur mittels dreifacher Schichtung in einzelne Momente zerlegt. Ein Stehender geht in die Knie, ein anderer fällt vornüber. Ein transparentes Daumenkino, das Bewegungen einfriert und Standbildern Dynamik verleiht.
Hilflosigkeit, verzweifeltes Bemühen, der Mensch in all seiner wirren Aktivität — alles das fängt Urlichs ein und bannt es stroboskopisch abgehackt auf den Schichten ihrer Bilder. Der große, frei schwebende Blchbogen zeigt die Vielfältigkeit der Künstlerin, die gerne mit den untenschiedlichsten Materialien arbeitet. Zwei menschliche Körper sind aus dem Halbmond ausgesägt und scheinen im wolkenhaften Bogen gefangen zu sein und ihn gleichzeitig zu stützen. Die Zerrissenheit des Menschen — hier kommt sie einmal mehr zum Ausdruck.
Bettina Urlichs, 1969 in Nürnberg geboren, schloss mit 22 Jahren das Studium der Malerei ab und besuchte im Anschluss daran Kunstakademien in Hamburg, Salzburg und Paris. 1995 wurde sie mit dem „Prix jeune painture“ in Paris ausgezeichnet. Im Fenster der Galerie sind einige ihrer früheren Arbeiten zu sehen. Was heute abstrakt ist, ist hier noch viel mehr der exakten Proportion verbunden. Die künstlerische Linie Bettina Urlichs' aber bereits klar erkennbar.
Der Mensch und sein Schatten — aktuell heute wie damals.
― Anette Röckl